Vitamin D – Für die meisten Menschen kontraindiziert!? Ach was?

Frau am Strand in der Sonne

Ich hatte bereits des Öfteren über die Bedeutung von Vitamin D geschrieben, nicht zuletzt in meinem „Vitamin D Buch“: René Gräber – Die Vitamin D Therapie.

Eine sehr umfassende und übersichtliche Charakterisierung dessen, was Vitamin D ist und wie es wirkt, habe ich hier veröffentlicht: „Wundermittel“ Vitamin D? » Vitalstoffmedizin.

In diesem Beitrag gibt es auch weiterführende Links zu anderen Beiträgen zu diesem Thema von mir.

Inzwischen scheint die Rolle des Vitamin D mehr und mehr an Bedeutung gewonnen zu haben: Endlich: Ärzte suchen vermehrt nach Vitamin D Defiziten.

Und damit verbunden, scheint es die entsprechenden Bemühungen zu geben, diesem Trend entgegenzuwirken und das Vitamin D zu einer gefährlichen Veranstaltung zu erklären. Auch hierzu hatte ich einige Beiträge veröffentlicht:

Böse Sonne, gute Sonne – Wichtige Erkenntnisse zum Vitamin D.

Vitamin D – Präparate im Test » Vitalstoffmedizin.

Vitamin D – Ein Hype? Eine Legende? Warnung und Kritik nehmen zu. Ein Faktencheck.

Jetzt scheint die „Vitamin-D-Skepsis“ auch bei einigen Heilpraktikern Einzug gehalten zu haben. Ein Patient schickte mir Folgendes zu: Vitamin D- für die meisten Menschen kontraindiziert! | Heilpraxis Team Katia Trost.

Erfundener Vitamin-D-Mangel – viel Trost aus der Heilpraxis

Dieser Beitrag möchte erklären, warum nur 5 % der Patienten eine Behandlung mit Vitamin D benötigen. Für alle anderen könnte angeblich die Gabe von Vitamin D sogar schädlich sein. Wie bitte?

Es beginnt mit der Kontraindikation für Vitamin D. Und das sei ein „langsamer Stoffwechsel“. Die dazu angegebene Quellenangabe führt auf eine weitere Seite der eigenen Homepage und gibt keine Erklärung für diese überraschende Behauptung.

Meine Suche nach diesbezüglichen Hinweisen in der wissenschaftlichen Literatur ließ mich dann auf diese Quelle stoßen: Clinical review: The role of the parent compound vitamin D with respect to metabolism and function: Why clinical dose intervals can affect clinical outcomes – PubMed.

Die Autoren dieser Veröffentlichung kommen jedoch zu dem Schluss, dass für eine optimale Funktion des Stoffwechsels signifikante Mengen von Vitamin D auf täglicher Basis verfügbar sein müssen. Veränderungen in der Zufuhr während zum Beispiel klinischen Studien könnten bereits hier zu Effekten führen, die die Studienergebnisse beeinflussen können. Und was für die Studienergebnisse gilt, gilt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch für das „normale“ Leben.

Oder mit anderen Worten: Könnte es sein, dass ein „langsamer Stoffwechsel“ möglicherweise doch auf einem Vitamin-D-Mangel beruht? Oder zu mindestens dadurch begünstigt wird?

Vitamin D Buch von Rene Gräber

Vitamin D erschöpft – Patient erschöpft

Dann folgt die Beobachtung, dass sehr erschöpfte Patienten unter einer wiederholten Hochdosistherapie keine verbesserten Vitamin-D-Werte zeigten. Die Erklärung der Heilpraktikerin Trost hierfür war, dass irgendwie zu viel Calcium bei diesen Patienten etwas mit der Vitamin-D-Synthese zu tun hätte und diese behindere. Und dass diese Behinderung sogar durch eine natürliche Synthese durch das Sonnenlicht nicht umgangen werden könne.

Und weil das Vitamin A der Gegenspieler von Vitamin D sei. Und weil viele Menschen einen Vitamin-A-Mangel hätten, schütze sich der Körper vor einem Vitamin A/Vitamin D-Ungleichgewicht, in dem er die Vitamin-D-Synthese herunterführe.

In meinem bereits erwähnten Beitrag zum „Vitamin-D-Hype“ verweise ich auf einige Studien, die das komplette Gegenteil gezeigt haben. Hier lag in den verschiedenen Beiträgen/Studien ein enger Zusammenhang zwischen Fatigue und einem ausgesprochenen Vitamin-D-Mangel vor.

Was Frau Trost unter einer „Hochdosistherapie“ versteht, das wird aus diesem Beitrag nicht sofort deutlich. Sie schreibt etwas später, dass sie unter „Hochdosistherapie“ die Gabe von 20.000 Einheiten pro Tag versteht, selbst aber nur 1000 bis 5000 Einheiten einsetzte. Jetzt weiß ich nicht, hat sie eine Hochdosistherapie eingesetzt, unter der sie keinen Effekt gesehen haben will oder nur 1000 Einheiten?

Dann wäre es nicht verwunderlich, warum die Vitamin-D-Spiegel nicht wachsen wollen. Und wenn ich eine Hochdosistherapie von 20.000 Einheiten nicht einsetze, dann kann ich auch keine positiven Effekte erwarten.

Krieg der Vitamine A und D

Laut Frau Trost sollen Vitamin A und Vitamin D Gegenspieler sein. Inwieweit sind sie Gegenspieler und wo findet diese Konkurrenz statt? Im gesamten Organismus, weswegen sich der Körper vor einer Überflutung mit Vitamin D schützen muss, wenn es an Vitamin A mangelt? Quellen/Studien dazu? Fehlanzeige!

Es gibt in der Tat eine interessante Arbeit, die dieser Frage nachgegangen ist: Vitamin A and vitamin D regulate the microbial complexity, barrier function, and the mucosal immune responses to ensure intestinal homeostasis – PubMed.

Die Autoren zeigen hier, dass Vitamin A und Vitamin D die Beschaffenheit der Epithelien der Darmschleimhäute und deren Immunzellen regulieren. Die beiden Vitamine regulieren die Produktion und Funktion von Tight-Junction-Proteinen, die eine zentrale Bedeutung für die Barrierefunktion der Darmschleimhaut haben. Interessant ist hier, dass Vitamin A die „Gut Homing Rezeptoren“ der T-Zellen aktivieren. Vitamin D blockiert selbige Rezeptoren.

Unter „Gut Homing“ versteht man einen Mechanismus, bei dem aktivierte T-Zellen zu entzündeten und noch nicht entzündeten Regionen des Gastrointestinaltrakts geleitet werden, um dort eine verbesserte und effektive Immunantwort bereitzustellen.

Das heißt, dass das Vitamin A einen mehr entzündungsfördernden Charakter hat, während das Vitamin D einen mehr entzündungshemmenden Charakter aufweist. Über diesen Mechanismus regulieren die beiden Vitamine das Epithelium des Gastrointestinaltrakts und das Immunsystem seiner Schleimhäute, die wiederum einen regulierenden Einfluss auf die Darmflora haben und deren Homöostase garantieren.

Zudem scheint Frau Trost eine Vorliebe für das Vitamin A zu haben. Vitamin A ist mit Sicherheit ein sehr wichtiges Vitamin. Sie scheint auch für eine vermehrte Einnahme von Lebertran zu werben, da hier Vitamin A und Vitamin D in einem ausgewogenen Verhältnis vorlägen. Das mag vielleicht der Fall sein.

Nur, eine Überdosierung von Vitamin A stellt sich durch eine Supplementierung wahrscheinlich rascher ein als eine Überdosierung von Vitamin D. Und das scheint auch Auswirkungen auf das Immunsystem zu haben, wie diese Arbeit zeigen konnte: Vitamin A and D intake in pregnancy, infant supplementation, and asthma development: the Norwegian Mother and Child Cohort – PubMed.

Die Autoren beobachteten, dass eine mehr als 2,5 fache Überdosierung von Vitamin A während der Schwangerschaft das Risiko für die Entwicklung von Asthma beim Kind signifikant erhöht. Demgegenüber reduzierte die Einnahme von Vitamin D dieses Risiko signifikant. Die höchste Dosierung wurde hier mit 13,6 Mikrogramm pro Tag angegeben, was allerdings nur 544 Einheiten entspricht. Wurden beide Vitamine entsprechend hoch dosiert, gab es keinen Zusammenhang mehr, woraus die Autoren auf einen sich gegenseitig antagonisierenden Effekt beider Vitamine schlossen.

Vitamin D killt Immunsystem

Jetzt ist es an der Zeit, zu zeigen, dass das Vitamin D kaum Einfluss auf das Immunsystem hat; und wenn, dann keinen besonders guten. Quelle hierfür ist das „Marshall Protokoll“, bei dem untersucht wird, warum Autoimmunerkrankungen, wie Hashimoto, häufiger bei Frauen als bei Männern auftreten. Als erstes stellt Professor Marshall fest, dass der Vitamin-D-Rezeptor wichtige Komponenten des angeborenen Immunsystems kontrolliert.

Da stellt sich bei mir sofort die Frage, wenn Vitamin D keinen guten Einfluss hat, warum hat sein Rezeptor eine so exponierte Bedeutung für das Immunsystem?

Was macht dieser Rezeptor? Er erhöht die Produktion von anti-mikrobiellen Peptiden, die meiner Meinung nach eine Stärkung des Immunsystems belegen. Er vermutet eine erhöhte Aktivität dieses Rezeptors bei Frauen als Kompensation für einen Abfall der zellulären Immunität in den Wochen vor der Menstruation oder bei einer Schwangerschaft zur Stimulation des angeborenen Immunsystems des heranreifenden Fötus.

Das hieße, dass ein Vitamin-D-Mangel beim Fötus möglicherweise Entwicklungsverzögerungen des angeborenen Immunsystems bewirken könnten. Und das halte ich in der Tat für keinen besonders guten Einfluss.

Weiter erklärt dieser Beitrag, dass im Laufe der Evolution Bakterienstämme aufgetaucht sind, die in der Lage sind, den Vitamin-D-Rezeptor zu manipulieren und für sich auszunutzen, aber damit auch die Immunlage zu schwächen. In der Folge beschreibt der Beitrag, welche Konsequenzen ein so manipulierter Vitamin-D-Rezeptor mit sich bringt.

Der Rezeptor ist auch verantwortlich für den Abbau von Calcitriol, der aktiven Vitamin-D-Form. Ist dieser Abbau gestört, dann kommt es zu erhöhten Konzentrationen von Calcitriol, die mit einer Reihe von Nebenwirkungen verbunden sind (Siehe auch meinen bereits erwähnten Link zu „Wundermittel“ Vitamin D?).

Also dieses „Marshall Protokoll“ sagt an keiner Stelle, dass Vitamin D bei einer Autoimmunerkrankung „streng vermieden werden“ sollte, sondern erklärt nur die Konsequenzen eines gestörten Vitamin-D-Rezeptors. Nur, wie häufig gibt es diese Störungen?

Die tägliche Kartoffel killt das Immunsystem

Der nächste Immunkiller sind angeblich die Nachtschattengewächse, wie zum Beispiel die in Deutschland täglich verzehrte und heiß geliebte Kartoffel. Die soll so viel Calcitriol enthalten, dass man mit einem unterdrückten Immunsystem rechnen muss.

Was ich bei dieser Argumentation nicht verstehe ist, dass bei einer Autoimmunerkrankung angeblich Vitamin D vermieden werden sollte, selbiges dann aber doch in Form von Calcitriol gegeben wird, um Psoriasis, ebenfalls eine Autoimmunerkrankung, zu behandeln, indem das überschießende Immunsystem heruntergefahren wird. Kann man also jetzt mit Kartoffeln Psoriasis behandeln, weil da so viel Calcitriol drin ist? Mengenangaben dazu habe ich bei Frau Trost und ihrer angegebenen Quelle auch nicht finden können.

Weiter sagt Frau Trost, dass die Nachtschattengewächse im Verdacht stehen, Autoimmunstörungen zu verursachen, obwohl sie so viel Calcitriol beinhalten. Und deswegen sei Vitamin D zu nichts nutze. Ich verstehe es einfach nicht.

Zuerst behauptet sie, dass Vitamin D das Immunsystem unterdrückt. Und danach behauptet sie das Vitamin D Autoimmunerkrankungen provoziert. Haben wir es hier mit einem „Wundermittel“ zu tun, welches Autoimmunerkrankungen erzeugt, indem es das Immunsystem unterdrückt? Das entspräche einem Auto, welches losfährt, weil man auf die Bremse tritt.

Zur Entwirrung diese im Jahr 2015 erschienene Arbeit aus Japan: [Current Topics on Vitamin D. The effects of vitamin D on the immune system] – PubMed.

Die Autoren stellen hier fest, dass eine Reihe von Immunzellen Vitamin-D-Rezeptoren besitzen und dazu ein Enzym, welches die Umwandlung von Calcidiol zu Calcitriol bewerkstelligt. Das heißt, dass diese Umwandlung in die aktive Form bereits vor Ort geschieht und der Organismus sich nicht ausschließlich auf die Aktivität der Nieren verlässt. Die Autoren sehen in dieser Tatsache einen Beleg, dass hier Vitamin D eine bedeutende Rolle für das angeborene und erworbene Immunsystem spielt.

Weiter sagen sie, dass es epidemiologische Daten gibt, die einen signifikanten Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und dem Ansteigen von einer Reihe von Infektionserkrankungen gezeigt haben.

Männer, Testosteron und die Kartoffel

Diese interessante Veröffentlichung (Saisonalen Hormonschwankungen auf der Spur) untersuchte die saisonalen Hormonschwankungen bei Männern.

Hier zeigte sich, dass Männer am Ende des Winters signifikant geringere Testosteron-Spiegel aufweisen als im Sommer. Und diese Beobachtung lässt sich genauso für das Vitamin D machen. Daraus könnte man ableiten, dass Testosteron und Vitamin D in einem möglichen Zusammenhang stehen.

Dieser Zusammenhang ist auch bei Tieren festgestellt worden, sodass man davon ausgehen darf, dass es sich hier nicht um einen bloßen Zufall handelt. Das hieße also, dass bei Männern mit zu geringen Testosteron-Spiegeln, was vor allem bei Senioren häufig der Fall zu sein scheint, die Gabe von Vitamin D zu einer Verbesserung dieser Werte führen könnte.

Zu geringe Testosteron-Spiegel sind mit einer Reihe von gesundheitlichen Problemen verbunden, wie einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Osteoporose etc.

Bei Frauen scheint Vitamin D das komplette Gegenteil zu bewirken – es senkt die Testosteron-Spiegel. Auch hier scheint Vitamin D eine therapeutische Anwendung zu haben, um testosteronabhängige Frauenleiden günstig zu beeinflussen.

Fazit

Die Diskussion der Heilpraktikerin Trost um das Vitamin D ist einfach nur „trostlos“. Keine der dort aufgestellten Behauptungen wird durch wissenschaftliche Arbeiten untermauert. Die einzige Quelle, die einen gewissen wissenschaftlichen Anspruch zu haben scheint, das Marshall Protokoll, scheint von ihr gründlich missverstanden worden zu sein. Und wie sie auf die „5 %-Hürde“ kommt, das ist mir auch ein Rätsel. Vielleicht hat sie hier Vitamin D mit Wahlergebnissen verwechselt.

Newsletter - 5 Wundermittel René Gräber

Dieser Beitrag wurde am 6.12.2020 erstellt.

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