Grauer Star: Welche Vitamine und Vitalstoffe die Augenlinse schützen können
Grauer Star entsteht nicht plötzlich. Es ist auch keine Erkrankung die jeder im Alter irgendwann bekommt.
Klar ist auch: meist verändert sich die Augenlinse über viele Jahre, bis das Sehen zunehmend verschwommen wird, Farben verblassen und entgegenkommende Autoscheinwerfer unangenehm blenden. Irgendwann stellt der Augenarzt die Diagnose: Katarakt, besser bekannt als Grauer Star.
Viele Betroffene fragen sich dann, ob sich die zunehmende Linsentrübung durch Vitamine, Mineralstoffe oder andere Vitalstoffe aufhalten lässt. Schließlich besitzt das Auge ausgeklügelte Schutzmechanismen gegen oxidativen Stress, und gerade die Augenlinse ist auf bestimmte antioxidative Substanzen angewiesen.
Und tatsächlich gibt es interessante Forschungsergebnisse zu Vitamin C, Vitamin E, Lutein, Zeaxanthin, B-Vitaminen und Glutathion. Einige Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine gute Vitalstoffversorgung mit einem geringeren Kataraktrisiko verbunden sein könnte.
Die entscheidende Frage lautet allerdings: Kann man durch zusätzliche Vitalstoffe einen Grauen Star verhindern, sein Fortschreiten verlangsamen oder sogar eine Operation vermeiden?
Genau dieser Fragen / Fragen versuche ich in diesem Beitrag nachzugehen…
Schauen wir uns aber erst die wichtige Frage an:
Was passiert beim Grauen Star in der Augenlinse?
Die natürliche Augenlinse besteht überwiegend aus Wasser und hochspezialisierten Eiweißen, den sogenannten Kristallinen. Diese Proteine sind so angeordnet, dass Licht möglichst ungehindert durch die Linse zur Netzhaut gelangen kann.
Anders als viele andere Körpergewebe verfügt die Augenlinse nicht über eine eigene Blutversorgung. Ihre Nährstoffversorgung erfolgt vor allem über das Kammerwasser und spezielle Transportmechanismen.
Im Laufe des Lebens verändern sich die Linsenproteine. Sie können oxidiert, chemisch verändert und miteinander vernetzt werden. Dadurch verlieren sie zunehmend ihre ursprüngliche Struktur. Es bilden sich Eiweißaggregate, an denen das einfallende Licht gestreut wird.
Die Linse verliert ihre Transparenz (wenn man das so sagen darf)… Dabei spielen mehrere Prozesse eine Rolle:
- Oxidativer Stress: Reaktive Sauerstoffverbindungen können Linsenproteine und Zellmembranen schädigen.
- Alterungsprozesse: Die Reparatur- und Schutzmechanismen der Linse verlieren mit zunehmendem Alter an Wirksamkeit.
- Veränderungen des Zuckerstoffwechsels: Erhöhte Blutzuckerwerte fördern unter anderem die Glykierung von Eiweißen und weitere Stoffwechselprozesse, welche die Linse schädigen können.
- UV-Strahlung: Langjährige Sonneneinstrahlung kann oxidative Veränderungen begünstigen.
- Medikamente und weitere Risikofaktoren: Besonders eine längerfristige Behandlung mit Kortikosteroiden, Rauchen und bestimmte Stoffwechselerkrankungen sind mit einem erhöhten Kataraktrisiko verbunden.
Nicht jeder Graue Star entsteht auf dieselbe Weise. Augenärzte unterscheiden unter anderem die Kerntrübung, die Rindentrübung und die hintere subkapsuläre Katarakt. Auch deshalb können sich Risikofaktoren und Studienergebnisse je nach Kataraktform unterscheiden.
Für die Vitalstoffmedizin ist vor allem ein Mechanismus interessant: Die Augenlinse muss sich über Jahrzehnte gegen oxidative Schäden schützen, obwohl ihre Regenerationsmöglichkeiten begrenzt sind.
Warum Vitalstoffe für die Augenlinse wichtig sind
Der menschliche Organismus verfügt über zahlreiche antioxidative Schutzsysteme. Diese bestehen nicht einfach aus einzelnen Vitaminen, sondern aus einem Netzwerk verschiedener Substanzen und Enzyme.
Vitamin C kann bestimmte reaktive Verbindungen abfangen. Vitamin E schützt vor allem fetthaltige Zellstrukturen. Glutathion hilft unter anderem, oxidierte Eiweißgruppen in ihrem funktionellen Zustand zu halten. Für die dazugehörigen Enzymsysteme werden wiederum verschiedene Mikronährstoffe benötigt.
Das erklärt, weshalb die Forschung seit Jahrzehnten untersucht, ob eine bessere Vitalstoffversorgung die Entstehung des Grauen Stars beeinflussen kann.
Dabei muss man allerdings unterscheiden: Ein Vitamin kann für den normalen Stoffwechsel der Augenlinse unverzichtbar sein, ohne dass seine zusätzliche Einnahme bei ausreichend versorgten Menschen einen messbaren Vorteil bringt.
Gerade beim Grauen Star ist diese Unterscheidung wichtig. Wer sich grundsätzlich für diese Zusammenhänge interessiert, findet in meinem Beitrag über die orthomolekulare Medizin und das Zusammenspiel verschiedener Vitalstoffe weitere Hintergründe.
Vitamin C: Ein wichtiges Antioxidans der Augenlinse
Vitamin C gehört zu den interessantesten Mikronährstoffen im Zusammenhang mit dem Grauen Star.
Die Ascorbinsäure ist im Kammerwasser des Auges in vergleichsweise hohen Konzentrationen vorhanden. Sie beteiligt sich dort am antioxidativen Schutz und kann helfen, reaktive Sauerstoffverbindungen zu neutralisieren.
Auch innerhalb der Augenlinse bestehen enge Wechselwirkungen zwischen Vitamin C und anderen Schutzsystemen, insbesondere Glutathion.
Deshalb erscheint es biochemisch plausibel, dass eine ausreichende Vitamin-C-Versorgung zur langfristigen Gesunderhaltung der Linse beiträgt.
Was zeigen die Studien zu Vitamin C?
In verschiedenen Beobachtungsstudien war eine höhere Vitamin-C-Aufnahme mit einem geringeren Auftreten altersbedingter Linsentrübungen verbunden.
Das ist interessant, beweist aber noch keine vorbeugende Wirkung einer Vitamin-C-Supplementierung.
In der randomisierten Physicians‘ Health Study II erhielten Männer über mehrere Jahre täglich 500 mg Vitamin C oder ein Placebo. Die zusätzliche Vitamin-C-Einnahme führte nicht zu einer statistisch nachweisbaren Verringerung des Kataraktrisikos.
Eine Cochrane-Auswertung aus dem Jahr 2022, die neun randomisierte Studien mit insgesamt 117.272 Teilnehmern berücksichtigte, fand ebenfalls keinen überzeugenden Nutzen hochdosierter Vitamin-C-, Vitamin-E- oder Betacarotin-Präparate zur Vorbeugung beziehungsweise Verlangsamung des Grauen Stars.
Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?
Menschen mit einer hohen Vitamin-C-Aufnahme essen häufig mehr Gemüse und Obst. Damit nehmen sie gleichzeitig andere Pflanzenstoffe und Mikronährstoffe auf. Oft unterscheiden sie sich auch hinsichtlich weiterer Lebensgewohnheiten von Menschen mit einer schlechten Ernährung.
Außerdem ist eine hohe Vitamin-C-Aufnahme über Lebensmittel nicht dasselbe wie die Einnahme einer isolierten Hochdosis.
Meine Schlussfolgerung: Vitamin C bleibt für die Augenlinse physiologisch wichtig. Eine gute Versorgung ist sinnvoll, besonders wenn die Ernährung bislang wenig frische pflanzliche Lebensmittel enthält. Die Behauptung, hochdosiertes Vitamin C könne einen bereits bestehenden Grauen Star wirksam behandeln, ist jedoch nicht ausreichend belegt.
Gute Vitamin-C-Quellen sind Paprika, Brokkoli, Kohl, Beeren, Kiwi und Zitrusfrüchte. Ausführliche Informationen zu Wirkung, Bedarf und Dosierung finden Sie in meinem Grundsatzbeitrag über Vitamin C.
Vitamin E: Schutz für Zellmembranen, aber kein bewiesenes Kataraktmittel
Während Vitamin C vorwiegend in wässrigen Körperbereichen wirkt, gehört Vitamin E zu den fettlöslichen Antioxidantien. Es schützt unter anderem mehrfach ungesättigte Fettsäuren in Zellmembranen vor oxidativer Schädigung. Diese Funktion ist auch für die Zellen der Augenlinse relevant.
Vitamin E ist dabei keine einzelne Substanz. Zur Vitamin-E-Familie gehören verschiedene Tocopherole und Tocotrienole, die sich hinsichtlich ihres Stoffwechsels und ihrer biologischen Eigenschaften unterscheiden. In klinischen Studien wurde allerdings überwiegend Alpha-Tocopherol untersucht.
Eine ausreichende Vitamin-E-Versorgung lässt sich über Nüsse, Samen, Weizenkeimöl und andere hochwertige Pflanzenöle unterstützen.
Helfen hohe Vitamin-E-Dosen?
Die kontrollierten Studien geben darauf bislang keine überzeugend positive Antwort. In der Physicians‘ Health Study II wurde über durchschnittlich acht Jahre auch Vitamin E untersucht. Die Männer erhielten jeden zweiten Tag 400 internationale Einheiten. Das Risiko für Grauen Star unterschied sich nicht signifikant von der Placebogruppe.
Auch die Cochrane-Analyse bestätigte keinen klinisch relevanten vorbeugenden Nutzen. Das bedeutet nicht, dass Vitamin E für die Augenlinse unwichtig wäre. Es bedeutet zunächst, dass eine zusätzliche hochdosierte Gabe keinen verlässlichen Schutz vor Katarakt gezeigt hat.
Hohe Vitamin-E-Dosen sind außerdem nicht grundsätzlich harmlos. Sie können beispielsweise die Blutgerinnung beeinflussen, was besonders bei einer gleichzeitigen Einnahme gerinnungshemmender Medikamente berücksichtigt werden muss. Eine bedarfsgerechte Versorgung ist deshalb vernünftiger als die pauschale Empfehlung sehr hoher Dosierungen.
Lutein und Zeaxanthin: Die interessantesten Pflanzenstoffe für die Augen
Unter den Carotinoiden verdienen Lutein und Zeaxanthin besondere Aufmerksamkeit.
Beide Pflanzenfarbstoffe kommen in der Netzhaut, insbesondere im Bereich der Makula, vor. Dort bilden sie das sogenannte Makulapigment, das unter anderem kurzwellige Lichtanteile absorbiert und antioxidative Eigenschaften besitzt. Lutein und Zeaxanthin lassen sich auch in der Augenlinse nachweisen.
Ihre möglichen Schutzwirkungen werden deshalb sowohl bei Netzhauterkrankungen als auch bei der altersbedingten Katarakt untersucht. Besonders luteinreich sind Grünkohl, Spinat und anderes dunkelgrünes Blattgemüse. Zeaxanthin findet sich beispielsweise in Mais und bestimmten orangefarbenen Gemüsearten. Auch Eigelb enthält beide Carotinoide.
Da diese Pflanzenstoffe fettlöslich sind, kann etwas Fett in der Mahlzeit ihre Aufnahme verbessern.
Was zeigte die große AREDS2-Studie?
In der amerikanischen AREDS2-Studie wurde unter anderem untersucht, ob täglich 10 mg Lutein und 2 mg Zeaxanthin einen Einfluss auf die Entwicklung des Grauen Stars haben. Das Gesamtergebnis war zunächst ernüchternd: Bei allen untersuchten Teilnehmern zusammen verringerte die zusätzliche Einnahme weder das Risiko einer Kataraktoperation noch den Verlust der Sehschärfe statistisch signifikant.
Interessant wurde es jedoch bei der Betrachtung einzelner Untergruppen. Bei den Teilnehmern, die über ihre Ernährung besonders wenig Lutein und Zeaxanthin aufnahmen, war die Supplementierung mit einem um etwa 32 Prozent geringeren relativen Risiko für das Fortschreiten bis zur Kataraktoperation verbunden. Die Studie wurde 2013 in JAMA Ophthalmology veröffentlicht.
Was bedeutet das?
Ich meine, dass die Ergebnisse einen Hinweis darauf liefern, dass Menschen mit einer niedrigen Ausgangsversorgung möglicherweise eher von zusätzlichen Carotinoiden profitieren könnten als Menschen, die bereits ausreichend davon aufnehmen. Klar: es handelte sich den der Untersuchung um eine Untergruppenanalyse. Und wie es immer so schön heißt: weitere Studien seien wichtig.
Außerdem bestand die Studienpopulation aus Menschen mit einem erhöhten Risiko für eine fortgeschrittene altersbedingte Makuladegeneration. Die Resultate sind deshalb nicht ohne Weiteres auf alle Menschen mit Grauem Star übertragbar. Trotzdem halte ich Lutein und Zeaxanthin für besonders interessante Vitalstoffe im Zusammenhang mit der Augengesundheit. Sie sind ernährungsphysiologisch sinnvoll, und es gibt zumindest Hinweise, dass eine unzureichende Versorgung mit diesen Carotinoiden von Bedeutung sein könnte.
Eine allgemeingültige therapeutische Dosierung zur Vorbeugung oder Behandlung des Grauen Stars lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.
Weitere Zusammenhänge zwischen Carotinoiden, antioxidativem Zellschutz und Augenerkrankungen beschreibe ich in meinem Beitrag über Astaxanthin und andere Carotinoide.
B-Vitamine: Beim Grauen Star häufig unterschätzt
B-Vitamine werden bei Augenerkrankungen oft weniger beachtet als Vitamin C, Vitamin E oder Carotinoide. Dabei erfüllen sie zahlreiche Aufgaben im Energiestoffwechsel und bei enzymatischen Reaktionen, die für den antioxidativen Zellschutz erforderlich sind. Besonders interessant sind Vitamin B2, Vitamin B6, Vitamin B12 und Niacin.
Vitamin B2 (=Riboflavin), ist Bestandteil der Coenzyme FMN und FAD. Diese werden für zahlreiche Oxidations- und Reduktionsreaktionen benötigt. Zu den riboflavinabhängigen Enzymen gehört die Glutathionreduktase, die oxidiertes Glutathion wieder in seine reduzierte, antioxidativ aktive Form überführt. Mehr zu den biochemischen Grundlagen finden Sie in meinem ausführlichen Beitrag über Vitamin B2 und Riboflavin.
Damit besteht ein direkter biochemischer Zusammenhang zwischen der Vitamin-B2-Versorgung und einem wichtigen Schutzmechanismus der Augenlinse. In einer Auswertung der amerikanischen AREDS-Daten wurde untersucht, ob die Aufnahme von B-Vitaminen mit verschiedenen Formen des Grauen Stars zusammenhängt.
Die Forscher beobachteten bei Teilnehmern mit einer hohen Riboflavinaufnahme unter anderem eine um 38 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit für eine bereits vorhandene mittelschwere Kerntrübung gegenüber der Gruppe mit der niedrigsten Aufnahme.
Auch für Vitamin B12 ergaben sich vergleichbare Zusammenhänge. Bei Vitamin B6 und Niacin fanden sich ebenfalls einzelne günstige Assoziationen. Übrigens ist das Niacin sowieso eines meiner neuen Lieblingsvitamine, siehe: Niacin und Nicotinamid: Das Vitamin B3
Zum B12: Worauf es bei der Diagnostik ankommt und welche Präparate infrage kommen, erläutere ich in meinem Beitrag Vitamin B12: Wirkung, Mangel und richtige Einnahme.
Diese Ergebnisse (zu diesen Vitalstoffen) wurden ürbigens 2015 in der Fachzeitschrift Ophthalmology veröffentlicht (Quellen ganz unten, am Ende des Beitrags).
Wichtig ist jedoch, dass es sich bei diesen Beobachtungen nicht um den Nachweis einer therapeutischen Wirkung von hochdosierten B-Vitaminen handelt. Die Ergebnisse sprechen vielmehr dafür, dass die Versorgung mit bestimmten B-Vitaminen bei der langfristigen Linsengesundheit eine Rolle spielen könnte.
Gute Nahrungsquellen für Vitamin B2 sind unter anderem Milchprodukte, Eier, Mandeln und Pilze. Vitamin B12 findet sich hauptsächlich in tierischen Lebensmitteln beziehungsweise entsprechend angereicherten Produkten. Bei älteren Menschen, bei bestimmten Magen-Darm-Erkrankungen und unter einzelnen Medikamenten kann eine Überprüfung der B12-Versorgung sinnvoll sein.
Eine solche Mangeldiagnostik ist allerdings etwas anderes als die ungezielte Einnahme hochdosierter B-Vitamine gegen Grauen Star.
Glutathion: Ein zentrales Schutzsystem der Augenlinse
Wenn ich einen Stoffwechselprozess hervorheben müsste, der für das Verständnis des Grauen Stars besonders interessant ist, wäre es der Glutathionstoffwechsel. Glutathion ist eine körpereigene Verbindung aus drei Aminosäuren: Glutaminsäure, Cystein und Glycin.
In der Augenlinse kommt reduziertes Glutathion in ungewöhnlich hohen Konzentrationen vor. Seine Aufgabe besteht unter anderem darin, die reaktiven Schwefelgruppen von Linsenproteinen zu schützen. Werden diese Gruppen oxidiert, können sich Eiweiße chemisch miteinander verbinden und größere Aggregate bilden. Genau solche Veränderungen beeinträchtigen die Transparenz der Linse.
Mit zunehmendem Alter nimmt die Verfügbarkeit von reduziertem Glutathion besonders im Zentrum der Augenlinse ab. Dadurch können oxidative Veränderungen und die Bildung von Eiweißaggregaten begünstigt werden.
Kann man den Glutathionspiegel der Linse gezielt verbessern?
Wichtig zu wissen: der Körper kann Glutathion selbst herstellen. Dafür benötigt er die entsprechenden Aminosäuren sowie funktionierende Enzym- und Redoxsysteme. Auch Selen und B-Vitamine spielen für Teile dieses antioxidativen Netzwerks eine Rolle.
Das Glutathion enorm wichtig / bedeutsam ist, ergibt sich natürlich Überlegung, dass eine gute Versorgung mit den beteiligten Mikronährstoffen und Aminosäuren hilfreich sein könnte. Allerdings ist die Augenlinse ein besonderes Gewebe… die Verteilung von Glutathion innerhalb der Linse wird durch Transport- und Stoffwechselprozesse reguliert, die sich im Alter verändern. Eine Erhöhung des Glutathionspiegels im Blut bedeutet deshalb nicht automatisch, dass mehr Glutathion im Inneren der Augenlinse ankommt.
Für die Einnahme von Glutathion oder seiner Vorstufen, beispielsweise N-Acetylcystein (NAC), gibt es bislang keinen ausreichenden klinischen Nachweis, dass dadurch ein Grauer Star verhindert oder zurückgebildet werden kann. Ich selbst habe dazu auch keine spziellen Erfahrungen. Ausführlicher beschäftige ich mich mit diesen Zusammenhängen, der körpereigenen Glutathionbildung, NAC und Glycin in meinem Beitrag Glutathion: Zellschutz, Entgiftung und was die Studien wirklich zeigen.
Zink, Selen und weitere Spurenelemente
Für den antioxidativen Schutz benötigt der Organismus neben Vitaminen auch bestimmte Spurenelemente. Zink ist an zahlreichen Enzymfunktionen beteiligt und spielt unter anderem für die Struktur und Funktion verschiedener Proteine eine wichtige Rolle. Selen wird für bestimmte Glutathionperoxidasen benötigt, die an der Entgiftung von Peroxiden beteiligt sind.
Damit sind beide Spurenelemente für körpereigene Schutzsysteme relevant. Aus dieser Stoffwechselfunktion lässt sich allerdings nicht ableiten, dass höhere Zink- oder Selenmengen vor Grauem Star schützen. Entsprechende klinische Belege fehlen – mal wieder…
Auch eine pauschale hochdosierte Ergänzung erscheint nicht sinnvoll. Zu viel Zink kann beispielsweise die Kupferversorgung beeinträchtigen. Eine übermäßige Selenzufuhr kann toxische Wirkungen hervorrufen. Bei Verdacht auf eine Unterversorgung sollte deshalb gezielt geprüft werden, ob ein tatsächlicher Mangel besteht. Ausführliche Informationen zu Ernährung, Supplementierung und Überdosierung finden Sie in meinen Beiträgen über Zink und Selen.
Was ist mit Omega-3, Coenzym Q10 und anderen Antioxidantien?
Auch weitere Vitalstoffe werden im Zusammenhang mit altersbedingten Augenerkrankungen diskutiert. Omega-3-Fettsäuren sind wichtige Bestandteile biologischer Membranen und erfüllen zahlreiche Aufgaben im Organismus. In der AREDS2-Studie zeigte ihre zusätzliche Einnahme jedoch keinen signifikanten Einfluss auf das Risiko einer Kataraktoperation.
Coenzym Q10, Alpha-Liponsäure und Astaxanthin besitzen ebenfalls Eigenschaften, die sie für die Erforschung oxidativer Zellschäden interessant machen. Für eine gezielte Vorbeugung oder Behandlung des Grauen Stars mit diesen Substanzen fehlen derzeit jedoch ausreichend belastbare klinische Daten.
Coenzym Q10 ist besonders als Bestandteil der mitochondrialen Energiegewinnung bekannt. Die Zusammenhänge zwischen Ubichinon, Ubichinol und antioxidativem Zellschutz erläutere ich ausführlich in meinem Beitrag über Coenzym Q10 und seine Wirkung im Stoffwechsel.
Und was ist mit Carnosin-Augentropfen?
Gelegentlich werden Augentropfen mit N-Acetylcarnosin angeboten, die angeblich eine bestehende Linsentrübung bessern sollen. Die experimentellen Grundlagen dieser Überlegungen sind durchaus interessant. Es gibt Untersuchungen, in denen Carnosin beziehungsweise verwandte Verbindungen oxidative Veränderungen von Linsenproteinen beeinflussten.
Der entscheidende Nachweis am Menschen fehlt jedoch. Ein Cochrane-Review konnte keine überzeugenden Belege finden, dass N-Acetylcarnosin-Augentropfen bestehende Linsentrübungen rückgängig machen oder deren Fortschreiten verhindern. Wer sich näher für die Substanz interessiert, findet weitere Informationen in meinem Artikel über Carnosin, seine Wirkungen und möglichen Anwendungsgebiete.
Können Multivitaminpräparate das Kataraktrisiko senken?
Eine besonders interessante Untersuchung ist die Physicians‘ Health Study II. In dieser großen, randomisierten Studie wurden 14.641 amerikanische Ärzte im Alter von mindestens 50 Jahren untersucht. Ein Teil der Teilnehmer erhielt täglich ein Multivitaminpräparat, der andere ein Placebo. Nach durchschnittlich 11,2 Jahren wurden in der Multivitamingruppe 872 Kataraktfälle festgestellt, gegenüber 945 Fällen in der Placebogruppe.
Das entsprach einem statistisch signifikanten, aber eher moderaten relativen Rückgang des Kataraktrisikos um neun Prozent. Die Ergebnisse wurden 2014 in der Fachzeitschrift Ophthalmology veröffentlicht.
Man könnte daraus die Hypothese ableiten, dass eine Kombination verschiedener Mikronährstoffe unter bestimmten Bedingungen sinnvoller ist als die Einnahme einzelner hochdosierter Antioxidantien.
Bewiesen ist diese Erklärung allerdings nicht. Die Untersuchung zeigte einen Effekt eines bestimmten Multivitaminpräparats in einer bestimmten Studienpopulation. Sie beweist weder die Überlegenheit beliebiger Vitalstoffkombinationen noch einen Nutzen bei Menschen mit bereits bestehendem Grauem Star.
Warum die AREDS2-Präparate nicht automatisch gegen Grauen Star helfen
An dieser Stelle wird häufig ein wichtiger Unterschied übersehen. Die bekannten AREDS- und AREDS2-Vitalstoffkombinationen wurden vor allem im Zusammenhang mit der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) untersucht. Die Makuladegeneration betrifft die Netzhaut. Der Graue Star betrifft dagegen die Augenlinse.
Es handelt sich also um zwei unterschiedliche Augenerkrankungen. Für bestimmte Patienten mit intermediärer altersbedingter Makuladegeneration beziehungsweise entsprechendem Progressionsrisiko können spezielle AREDS2-Präparate einen nachgewiesenen Nutzen haben.
Dieser Nutzen darf / sollte jedoch nicht auf den Grauen Star übertragen werden. Wer ausschließlich wegen einer Katarakt ein hochdosiertes AREDS2-Präparat einnehmen möchte, sollte wissen, dass dafür keine überzeugende allgemeine Wirksamkeit nachgewiesen wurde.
Besondere Vorsicht ist bei älteren Präparaten mit hochdosiertem Betacarotin angebracht. Bei Rauchern und ehemaligen Rauchern wurde unter solchen Supplementierungen ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko festgestellt.
Was bedeutet das für die Ernährung im Alltag?
Die Forschung zu Vitalstoffen bei Grauem Star liefert eine recht praktische Erkenntnis: Es kommt nicht nur darauf an, wie viel von einem einzelnen Vitamin aufgenommen wird. Entscheidend ist auch, ob der Organismus langfristig mit den zahlreichen Nährstoffen versorgt wird, die für seine Schutz- und Stoffwechselprozesse erforderlich sind.
Dafür braucht es keine komplizierte Augendiät. Ich würde vor allem auf eine abwechslungsreiche, mikronährstoffreiche Ernährung achten, wie u.a.:
- Dunkelgrünes Blattgemüse: Grünkohl, Spinat und Feldsalat liefern Lutein und weitere Pflanzenstoffe.
- Vitamin-C-reiches Gemüse und Obst: Paprika, Brokkoli, Beeren und Zitrusfrüchte ergänzen die Vitamin-C-Versorgung.
- Nüsse, Samen und hochwertige Pflanzenöle: Sie liefern Vitamin E und weitere Nährstoffe.
- Eier: Sie enthalten neben verschiedenen B-Vitaminen auch Lutein und Zeaxanthin.
- Hülsenfrüchte, Fisch, Milchprodukte und andere geeignete Eiweißquellen: Sie tragen zur Versorgung mit Aminosäuren und weiteren Mikronährstoffen bei, die der Körper für seine Stoffwechselprozesse benötigt.
Bei Diabetes oder Insulinresistenz ist darüber hinaus der Zuckerstoffwechsel besonders wichtig. Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte gehören zu den relevanten Risikofaktoren für eine frühzeitige Kataraktentwicklung.
Eine gute Stoffwechseleinstellung ist deshalb wesentlich bedeutsamer als der Versuch, erhöhte Blutzuckerwerte durch zusätzliche Antioxidantien auszugleichen.
Bei der Ernährung geht es mir deshalb nicht nur um einzelne Nährstoffe, sondern um das gesamte Stoffwechselmilieu. Auch das beste Präparat kann eine dauerhaft ungünstige Ernährung nicht einfach ausgleichen.
Vitalstoffe bei Grauem Star: Was ich aus naturheilkundlicher Sicht sinnvoll finde
In der Naturheilpraxis beschäftige ich mich seit 1998 mit Ernährung, Vitalstoffen und den Zusammenhängen zwischen Stoffwechsel und chronischen Beschwerden. Beim Grauen Star sehe ich den vernünftigsten Ansatz nicht darin, möglichst viele Antioxidantien in hohen Dosierungen zu kombinieren.
Zunächst sollte geprüft werden, wie gut die allgemeine Nährstoffversorgung tatsächlich ist. Bei einer einseitigen Ernährung, einer eingeschränkten Nährstoffaufnahme oder bestimmten Medikamenteneinnahmen kann es sinnvoll sein, gezielt nach möglichen Defiziten zu suchen.
Insbesondere Vitamin B12 verdient bei entsprechender Risikokonstellation Aufmerksamkeit. Auch eine unzureichende Versorgung mit anderen Mikronährstoffen sollte nicht einfach hingenommen werden.
Dass Medikamente selbst die Versorgung mit bestimmten Vitalstoffen beeinträchtigen können, beschreibe ich ausführlich in meinem Beitrag Welche Medikamente führen zu Vitaminmangel?.
Bei Menschen, die kaum grünes Gemüse essen, erscheint es zudem sinnvoll, die Aufnahme von Lutein und Zeaxanthin über die Ernährung zu verbessern. Ob in solchen Fällen eine ergänzende Einnahme sinnvoll ist, sollte individuell entschieden werden.
Eine pauschale hochdosierte Supplementierung ohne konkreten Anlass halte ich dagegen nicht für die beste Vorgehensweise.
Gleichzeitig würde ich Risikofaktoren berücksichtigen, die häufig einen größeren Einfluss haben als einzelne Nahrungsergänzungsmittel: Rauchen, eine unzureichende Blutzuckerregulation, intensive UV-Belastung und gegebenenfalls eine langfristige Kortisontherapie.
Kortison darf selbstverständlich nicht eigenmächtig abgesetzt werden. Bei einer längerfristigen Behandlung kann jedoch mit dem behandelnden Arzt besprochen werden, ob die Dosierung und die Notwendigkeit weiterhin regelmäßig überprüft werden.
Die Vitalstoffmedizin kann hier Teil eines umfassenderen Präventionskonzepts sein. Sie ersetzt aber weder die augenärztliche Diagnostik noch eine notwendige Behandlung.
Kann man einen bestehenden Grauen Star durch Vitalstoffe rückgängig machen?
Das ist wahrscheinlich die wichtigste Frage für Betroffene.
Wenn die Augenlinse bereits deutlich eingetrübt ist, lässt sich die Trübung nach heutigem Kenntnisstand weder durch eine spezielle Ernährung noch durch Vitaminpräparate zuverlässig rückgängig machen.
Die chemischen und strukturellen Veränderungen der Linsenproteine sind weitgehend dauerhaft.
Auch für eine klinisch relevante Verlangsamung eines bereits bestehenden Grauen Stars durch Nahrungsergänzungsmittel gibt es bislang keinen überzeugenden allgemeinen Wirksamkeitsnachweis.
Bei einer beginnenden Katarakt muss allerdings nicht automatisch sofort operiert werden.
Solange die Sehfähigkeit im Alltag ausreicht, können zunächst eine angepasste Brille, bessere Lichtverhältnisse und regelmäßige augenärztliche Kontrollen genügen.
Die Entscheidung für eine Operation hängt vor allem davon ab, wie stark das Sehen beeinträchtigt ist. Schwierigkeiten beim Autofahren, starke Blendempfindlichkeit oder zunehmende Probleme beim Lesen können wichtige Gründe sein.
Wenn eine Operation erforderlich wird, wird die eingetrübte natürliche Linse entfernt und durch eine künstliche Intraokularlinse ersetzt.
Dieser Eingriff gehört zu den etablierten und häufig durchgeführten Operationen der Augenheilkunde.
Wer dagegen plötzlich eine deutliche Sehverschlechterung, Lichtblitze, einen Schatten im Gesichtsfeld oder Augenschmerzen bemerkt, sollte dies umgehend augenärztlich abklären lassen. Solche Beschwerden sind für einen langsam fortschreitenden altersbedingten Grauen Star nicht typisch.
Fazit
Die Augenlinse ist auf ein leistungsfähiges antioxidatives Schutzsystem angewiesen. Dafür sind auch Vitamin C, Vitamin E, Glutathion und verschiedene enzymabhängige Mikronährstoffe wichtig. Besonders interessant finde ich die Forschung zu Lutein und Zeaxanthin sowie die Beobachtungen zur Versorgung mit B-Vitaminen. Das alles hat sich in entsprechenden Kreisen seit einigen Jahren längst herumgesprochen – und so nehmen auch viele Augenpatienten heute ein Mittel mit diesen Vitalstoffen.
Die Studien sprechen auch ganz klar dafür… Einzelne Ergebnisse deuten zudem darauf hin, dass Menschen mit einer niedrigen Ausgangsversorgung möglicherweise stärker von bestimmten Vitalstoffen profitieren als bereits gut versorgte Menschen. Daraus folgt aber nicht, dass höhere Dosierungen grundsätzlich besser wirken.
Die entscheidende Grenze der bisherigen Forschung ist klar: Eine ausreichende Versorgung mit Vitalstoffen ist physiologisch sinnvoll. Dass zusätzliche hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel einen bestehenden Grauen Star zuverlässig stoppen, zurückbilden oder eine erforderliche Operation verhindern können, ist dagegen nicht bewiesen.
Für mich ergibt sich daraus ein pragmatischer Ansatz: Nährstoffdefizite vermeiden, die Versorgung bei Bedarf gezielt verbessern, den Zuckerstoffwechsel beachten und die Augen vor vermeidbaren Belastungen schützen.
Das sind Maßnahmen, die weit über den Grauen Star hinaus gesundheitlich sinnvoll sein können. Eine gute Vitalstoffversorgung ist keine Garantie gegen die altersbedingte Linsentrübung. Sie ist aber ein vernünftiger Bestandteil einer langfristig ausgerichteten Augenvorsorge.
Quellen und Studien, die ich mir angesehen habe
- Mathew MC et al. (2022): Antioxidant vitamin supplementation for preventing and slowing the progression of age-related cataract. Cochrane Database of Systematic Reviews. DOI: 10.1002/14651858.CD004567.pub2
- AREDS2 Research Group (2013): Lutein/Zeaxanthin for the Treatment of Age-Related Cataract: AREDS2 Randomized Trial Report No. 4. JAMA Ophthalmology. PubMed: 23645227
- Christen WG et al. (2014): Effects of multivitamin supplement on cataract and age-related macular degeneration in a randomized trial of male physicians. Ophthalmology. PubMed: 24268861
- Glaser TS et al. (2015): The Association of Dietary Lutein plus Zeaxanthin and B Vitamins with Cataracts in the Age-Related Eye Disease Study: AREDS Report No. 37. Ophthalmology. Volltext der Studie
- Dubois VDJ-P, Bastawrous A (2017): N-acetylcarnosine (NAC) drops for age-related cataracts. Cochrane Database of Systematic Reviews. DOI: 10.1002/14651858.CD009493.pub2
- National Eye Institute: Cataracts – Causes, Prevention and Treatment. Informationen des National Eye Institute
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Juli 2010 von mir veröffentlicht und im Oktober 2026 vollständig neu bearbeitet und um die Forschung zu Vitalstoffen, antioxidativem Zellschutz und Grauem Star erweitert. Dazu hatte ich mir auch die Quellen dann angesehen und bewertet.
Rene Gräber:
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